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Interview                                                
                                                                                             


 "Vakeres Romanes?" "Sprichst du Romanes?"

Roma-Jugendliche erzählen ihr Leben
Das zweite Buch von IBiS ist seit Februar erhältlich

Die Lehrerin Ursula Birgin und die Künstlerin Monika Wieczorek vom Verein  "Interkulturelle Bildung und Soziale Arbeit im Stadtteil e.V." (IBiS) haben mit 18  Roma- Jugendlichen ein Buch gemacht, in dem die 10 bis 18-Jährigen über ihren  Alltag in Deutschland, ihre Erfahrungen im Kosovo , ihre Traditionen, Feste  und ihre Hoffnungen erzählen. Im folgenden Interview schildert sie, wie das Buch entstanden ist und wie die Inhalte mit den Jugendlichen erarbeitet wurden.

? "Vakeres Romanes? - "Sprichst du Romanes?" heißt das 74 Seiten-dicke,  zweisprachige Büchlein von IBiS, das im Februar heraus gekommen ist. Wie ist denn  die Idee entstanden, ein solches Buch zu machen?

 Ursula Birgin: Ich begleite als Lehrerin Roma-Kinder, die in einem  Flüchtlingswohnheim leben, in die Regelschule. Da entstand die Idee, Lernen anders zu  machen: Schreiben, Lesen und Schreiben an den Inhalten, die die Jugendlichen  persönlich angehen. Daraus ist das Buchprojekt entstanden. Das hat in das ganze Flüchtlingswohnheim hinein gestrahlt, in die Sonderschule, in die Realschule,  weit über den Bereich hinaus, in dem ich als Lehrerin tätig bin. Für die Roma  war es eine ganz neue Erfahrung, dass jemand, der deutsch ist, sich für ihre  Kultur interessiert. Und für Kinder ist es immer auch ein narzisstisches  Bedürfnis, sich selber dazustellen. Unser Projekt war für sie auch ein Freizeitangebot  und eine Möglichkeit, aus dem Ghetto des Wohnheims hinauszukommen und neue  Räume zu betreten- das gilt vor allem für die Mädchen

? Was unterscheidet die Lebens-Situation der Roma-Jugendlichen von anderen  Flüchtlingen?

Monika Wieczorek: Zunächst einmal die Herkunft: als Roma aus dem Kosovo  werden sie oft als "Zigeuner" stigmatisiert. Sie kommen aus einem Land, in dem sie  verfolgt und vertrieben wurden, was mit schlimmen Erlebnissen und Traumata  verbunden ist. Sie müssen sich hier, untergebracht in einer engen, isolierten  Wohnsituation, mit einer anderen Kultur und Sprache anfreunden. Sie sind in einem  permanenten Schwebezustand, weil sie nicht wissen, ob sie bleiben können oder  zurück in den Kosovo müssen. Sie haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus,  sondern bekommen nur befristete Duldungen.

Ursula Birgin: Vor allem das Stigma als "Zigeuner" unterscheidet die Roma von  anderen Flüchtlingen. Selbst bei kleinen Kindern kommt die Sprache immer  wieder auf Klischees wie "Klauen", "Kriminalität" und "Schmutzig-Sein". Es war  ihnen wichtig, uns zu sagen, dass sie anders sind, als wir denken. Bei  Flüchtlingen aus anderen Nationen habe ich das nicht erlebt. Auch die Eltern haben uns  sofort von ihren Häusern und bürgerlichen Existenzen als Handwerker oder Metzger  im Kosovo erzählt. Sie waren im sozialistischen Jugoslawien bis zu einem  gewissen Grad integriert.

? Wie sah Eure Zusammenarbeit mit den Jugendlichen konkret aus?

Ursula Birgin: Das Buch wurde in Projektarbeit erstellt: Wir als Nicht-Roma  haben uns an die Themen herangetastet, die für die Jugendlichen aktuell sind. Im  Dezember 2003, als wir begonnen haben, waren nur meine Schüler beteiligt, 11  bis 12-Jährige. Dann hat sich die Zusammenarbeit sehr schnell als dynamischer  Prozess verselbständigt, es kamen andere Jugendliche hinzu, die wir nicht  kannten. Dann ging es in die Familien, denn ohne Einverständnis der Eltern wäre  das Projekt, auch juristisch, nicht möglich gewesen. Im August letzten Jahres  war die inhaltliche Arbeit beendet, und es gab noch einige Layout-Termine mit  unserer Grafikerin Julia Daiber.

Monika Wieczorek: Form und Inhalt des Buches wurden von den Jugendlichen  gestaltet- wir hatten lediglich ein Grobkonzept im Kopf, und das haben wir mit den  Jugendlichen weiter entwickelt. Dabei haben sich unterschiedliche Gruppen  herauskristallisiert: manche kamen nur einmal, andere sehr oft. Abhängig vom  Inhalt haben wir uns mit den unterschiedlichen Gruppen an verschiedenen Orten  getroffen. Die Jungs etwa, die den Comic gemacht haben, haben Szenen gestellt,  Fotos gemacht, sie ausgedruckt, Szenarien gesprochen usw. Wir haben lediglich  unser Know-how zur Verfügung gestellt. Zwischendurch kamen ganz viele Gespräche  zustande über Dinge, die sie innerlich bewegen. Auch das ist in das Buch  eingeflossen. So war die Kunst auch ein Medium, ins Gespräch zu kommen, vor allem  mit den Jüngeren, die sehr verschlossen waren....

? Das Buch erscheint zweisprachig in Romanes und Deutsch- das ist recht ungewöhnlich...

Monika Wieczorek: Romanes ist die Sprache der Roma; deshalb war es für uns  selbstverständlich, das Buch auch in Romanes zu veröffentlichen.

Ursula Birgin: Eines der Prinzipen von IBiS ist es, die Vielfalt der Sprachen  in Deutschland zu zeigen, Mehrsprachigkeit muss selbstverständlich werden,  auch in der Literatur. Die Zweisprachigkeit durchbricht die "Unsichtbarkeit" des  Romanes und dient auch der Akzeptanz einer Minderheit, die immer noch gern aus  unserem Bewusstsein geschoben wird. Die Jugendlichen haben so die  Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken und einen Teil ihrer  Sprachlosigkeit in einem fremden Land zu überwinden. Romanes besteht aus einer Vielzahl von  Dialekten; unser Übersetzer, Nedjo Osman, hat ein Romanes gewählt, welches die  meisten Roma verstehen können. Ziel der Übersetzung war es, einen für alle  Roma weltweit lesbaren Text zu übersetzen, der die unterschiedlichen Dialekte  vereint und  einer einheitliche Kommunikation dient. Wir hätten gern noch  serbokroatisch als dritte Sprache hinzugenommen, doch das war vom Umfang nicht zu  machen.


Interview: Martin Höxtermann

Quelle: Stattzeitung für Südbaden, Nr. 60, März 2005

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